Vier Fragen an Christina Penetsdorfer, Kuratorin der Ausstellung still:moving

Noch bis 18. November 2012 ist die Ausstellung still:moving der jungen österreichischen Künstlerin Anja Manfredi im Museum der Moderne in Salzburg zu sehen. Sie begreift den menschlichen Körper und seine Bewegungen als System, das mit den Vorstellungen gesellschaftlicher Normen verbunden ist.


1.    Welche thematischen Schwerpunkte setzen Sie in der Ausstellung still:moving?
Die Beschäftigung mit Körperkonzepten bildet den roten Faden, der sich gewissermaßen durch die Ausstellung von Anja Manfredi zieht. Manfredi richtet mit ihren fotografischen Arbeiten den Blick des Betrachters auf normative und konstruierte Verhaltensmuster, die die gesellschaftlichen Erwartungen an den Körper und seine Bewegungen stellen. Man trägt seinen Körper täglich mit sich herum, selten ist einem aber bewusst, wie konditioniert und angepasst er in seinem Ausdruck ist. Anja Manfredi, die vor allem eine forschende Künstlerin ist und sich intensiv mit Körper-Diskurs in der Wissenschaft auseinandersetzt, bricht hier etwas in einer sehr klaren Sprache auf und vermittelt in ihren Arbeiten sehr präzise, wie sich die Vorstellung eines normierten Körpers durch die Kulturgeschichte zieht und wie man immer noch sehr solchen normativen Vorstellungen entspricht.

2.    Wer definiert, welche Bewegungs- und Haltungsmuster gesellschaftlich erwünscht sind und welche sanktioniert werden?
Das ist meiner Meinung nach schwer zu sagen, da die Frage dazu einlädt in wertenden Zuweisungs-Kategorien zu denken. Man kann eigentlich nur vorsichtig von Interessen sprechen, die eine eigene Dynamik und Strahlkraft zu besitzen scheinen. Dieses gesellschaftliche Phänomen lässt sich im Hinblick auf Bewegungs- und Haltungsmuster charakterisieren: Der Erhalt und die Weitergabe vom rein Zeichenhaften um seiner selbst willen scheint manchmal wichtiger, als das Verständnis der eigentlichen Bedeutung. Diese hatte im ursprünglichen gesellschaftlichen Kontext durchaus Sinn, ist aber vielfach verlorengegangen. Haltungen, Gesten können damit, ähnlich wie formelhafte Worte, zu bedeutungsleeren Hülsen verkümmern. Interessanter ist die Frage, wie solche normativen Vorstellungen erhalten und tradiert werden können, und vor allem, warum? Dann kommt man vielleicht der Antwort nach dem „wer“ näher.

3.    Übernehmen wir vorgefertigte Muster in der Regel unbewusst oder „designen“ wir den Ausdruck unseres Körpers nach spezifischen Vorbildern?
Teils, teils. Wir übernehmen sicher vieles unbewusst, weil wir naturgemäß auch nach bewährten Mustern suchen und diese übernehmen, da uns das Sicherheit und gesellschaftliche Akzeptanz bietet. Zum anderen konstituiert sich aber über Körper und Ausdruck gleichermaßen die eigene Identität, so dass der Körper auch als Bedeutungsträger der eigenen Individualität genutzt werden kann. Meine Kollegin Katja Mittendorfer, mit der ich gemeinsam „still:moving“ kuratiert habe, verweist in diesem Zusammenhang auf den amerikanischen Soziologen Erwing Goffman, der bereits 1959 in „The presentation of self in everyday life“ festgestellt hat, dass das Leben aus dem Schauspiel auf der Frontstage und der privaten Rolle im Backstage-Bereich besteht. So gesehen sind wir alle Schauspieler, die ständig performen.

4.    Wie wird die „Entwicklungsgeschichte der Geste“ in den kommenden 20 Jahren weitergehen?
Wissenschaft und Kunst vermitteln seit Beginn des 20. Jahrhunderts, dass man das, was wir als unsere Lebenswirklichkeit wahrnehmen, größtenteils als konstruiert bezeichnen kann. Diese besondere Art der Wahrnehmung sickert immer mehr als „Zeitgeist“ in den Alltag durch. Insbesondere die Populärkultur spielt dabei eine vermittelnde Rolle, da sie diese aufbrechenden Tendenzen aufnimmt und  sie in einer neuen künstlerischen Umformung als Lebensgefühl und Weltsicht einer breiteren Masse zugänglich macht. Dennoch werden normative Vorstellungen bis zu einem gewissen Grad immer verbindlich bleiben, aber der Umgang damit wird sich ändern: die Freiheit, sich zu entscheiden,  welchen Vorstellungen ich, vielleicht sogar zu meinem Nutzen, entsprechen möchte und wo ich dem Intuitiven nachgebe, wird reflektierter werden.

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