Im Gespräch mit Designern der Ausstellung HIT THE FUTURE_METROPOLITAN DESIGN

Die Ausstellung findet im Rahmen des MCBW FORUMS in der Alten Kongresshalle München statt. Weitere Informationen unter www.mcbw.de/mcbw-2015/mcbw-forum/ueber-das-forum.html.

1. Was macht für Sie eine gute „Metropolitan Idea“ aus?

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BOATANIC Ⓒ Damian O’Sullivan

Damian O’Sullivan: Die Metropole an sich ist eine gute Idee: Sie verbindet Effizienzvorteile durch Verdichtung und führt dadurch zur Verringerung des Energiebedarfs, zur Verkürzung der Transportwege usw.

Chloé Rutzerfeld: Meiner Ansicht nach liegt jeder guten Idee eine starke Vision zugrunde. Eine Idee ist lediglich ein konkretes Beispiel für die Umsetzung einer Vision in der Gesellschaft. Für mich basiert eine gute „Metropolitan Idea“ auf einer starken Vision zur Verbesserung und Lösung gesellschaftlicher, kultureller und ökonomischer städtespezifischer Themen. Zudem sollte eine gute „Metropolitan Idea“ den Bürger einbeziehen und ihn ermutigen, seine Handlungen und Einstellungen zu diesen Themen kritisch zu hinterfragen.

vHM DesignFutures London: Unsere Städte und unsere Wohnungen saugen Ressourcen auf und spucken Abfall aus. Da Versorgungseinrichtungen autark und nicht Teil eines integrierten Systems sind, wird der Ausstoß des einen Systems nur in seltenen Fällen in ein anderes System eingespeist. Nachhaltige Lösungen für Metropolen könnten zum Beispiel durch die Organisation von Dienstleistungen und Versorgungseinrichtungen in einem ökosystemischen Netzwerk geschaffen werden, in dem Abfall als Ressource anerkannt wird.

2. Was ist das Besondere an Ihrem Projekt, das in der Designausstellung HIT THE FUTURE_METROPOLITAN DESIGN zu sehen ist?

Chloe Rutzerveld

EDABLE GROWTH Ⓒ Chloé Rutzerfeld

Damian O’Sullivan: Boatanic (boat + botanic) ist ein neuartiges Konzept für den Anbau von Lebensmitteln in der Stadt. Ziel ist die Minimierung des ökologischen Fußabdrucks von Nahrungsmitteln, die derzeit noch lange Wege zurücklegen, bevor sie auf unseren Teller kommen. Für Boatanic habe ich ausrangierte Touristenboote in schwimmende Gewächshäuser verwandelt. Mit ihren großen Glasdächern sind die Boote bestens dafür geeignet. Damit würden auch die innerstädtischen Wasserwege wieder genutzt, die im letzten Jahrhundert zugunsten des Straßentransports aufgegeben wurden.

Chloé Rutzerfeld: Mit Edible Growth wollte ich herausfinden, ob und wie man echte, gesunde Nahrungsmittel mit Hilfe von Druckern herstellen kann. Der Mehrwert bisheriger Lebensmittel aus dem Drucker – ungesunde Süßigkeiten aus Schokolade, Zucker oder Teig – ist fragwürdig. Anstatt mich mit Methoden zur Herstellung von Nicht-Fertigprodukten auseinanderzusetzen, suchte ich nach Produkten, die unsere Nahrungskette und die globalen Ernährungsprobleme positiv beeinflussen. Edible Growth sind Hightech-Lebensmittel, die vollkommen natürlich, gesund und nachhaltig sind. Die Grundlage dafür ist eine Kombination aus Natur, Wissenschaft, Technologie und Design. Edible Growth nutzt neue Technologien, die Abläufe in der Natur verbessern. Durch das veränderte Erscheinungsbild, den intensiveren Geschmack und die neuartige Struktur befasst sich der Verbraucher wieder mehr mit der Lebensmittelherstellung. Edible Growth sorgt für Abfallvermeidung und eine wesentlich kürzere Nahrungskette.

vHM DesignFutures London: Unser Microbial Home ist das Szenario einer zukünftigen Lebensweise, mit dem wir testen wollen, wie Wohnhäuser als ganzheitliche Systeme funktionieren. Wir haben zahlreiche elektromechanische Technologien durch biologische Lösungen ersetzt und Tabus in Bezug auf Abfall und Bakterien aufgebrochen.

3. Welche Aufgaben hat Design für Sie heute?

Damian O’Sullivan: Probleme lösen, Fragen aufwerfen, den Alltag verschönern – ein umfassendes Thema!

Chloé Rutzerfeld: Meiner Meinung nach wird die Rolle von Design(ern) in unserer Gesellschaft immer wichtiger. Sie müssen verbinden, inspirieren und verändern!

vHM DesignFutures London: Mit dem rasanten Wandel der technologischen und gesellschaftlichen Anforderungen verändert sich auch das Design grundlegend. Design muss eine Stimme finden und viele der sogenannten Produktlösungen hinterfragen, die für uns selbstverständlich geworden sind. Die Auswirkungen unüberlegter Technologien und schlecht gestalteter Produkte sind überall sichtbar. Wir müssen unsere Handlungen und unsere Vorgehensweisen mit kritischen Augen sehen.

4. Nennen Sie uns drei Assoziationen, wie für Sie die Zukunft aussieht.

Damian O’Sullivan: Erwarten Sie das Unerwartete! Manches wird sich grundlegend ändern, manches wird gleichbleiben.

Chloé Rutzerfeld: Die Abgrenzung dessen, was wir als Natur und als Technologie begreifen, wird geringer. Der Etiketten-Wahn wird zunehmen – 100 % Natur, Fair Trade, biologisch, umweltfreundlich, grün, fett- und kohlehydratreduziert, 100 % recyceltes Material, biologisch abbaubar oder nachhaltig. Verwirrung und Erkundung des Unbekannten.

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MICROBIAL HOME Ⓒ Courtesy of Philipps Design

vHM DesignFutures London: Leider entstehen Veränderungen häufiger aus Krisen als aus guter Planung. In der Vergangenheit waren große technologische und gesellschaftliche Umwälzungen die Folgen politischer, wirtschaftlicher und umweltbezogener Krisen. Energie- und Wasserversorgung, Erderwärmung und andere Herausforderungen, denen wir uns heute gegenübersehen, könnten Herstellung, Ressourceneinsatz oder die Organisation großflächiger urbaner Lebensräume verändern. Viele Lösungen werden biologischer Natur sein – neue, lebende, reaktionsschnelle, sich selbst reparierende Stoffe entstehen als Ersatz für Kunststoff und Metall.
Die Produktwelt verlagert sich vom Objekt zur Dienstleistung, und Produkte verlieren immer mehr an Körperlichkeit. Die Produktion erfolgt nicht mehr in der Fabrik oder in der Landwirtschaft; Produkte und Dienstleistungen werden bedarfsgerecht dort bereitgestellt, wo sie gebraucht werden. Transaktionen, Geografien und Werte der heutigen Produktökonomien werden einem umfassenden Wandel unterzogen.

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