Mein Smartphone, mein Coach, mein Tyrann

smart people – gehen sie nicht mit leichterem Schritt? Ungebremst und gleichzeitig verbunden (nicht gefangen!) in einem intelligenten Netz, das bündelt und streut. Und wächst.

smart people teilen gerne: Autos, Fahrräder, Fotos, das Abendessen, zu dem sie spontan an bemerkenswerte Plätze laden. Teilen schafft mehr Wert, macht Sinn, schont Ressourcen, beflügelt die Fantasie und wirkt ansteckend. Die Zahl der Carsharing-Nutzer in Deutschland hat sich 2015 laut Bundesverband CarSharing im Vergleich zum Vorjahr um 21 % erhöht. Der Alltag gelingt flüssiger: Vergessen, zu Hause das Licht auszuschalten? Kein Problem. Assistenzsysteme steuern Beleuchtung, Raumtemperatur oder die Nachbefüllung des Kühlschranks. Damit erübrigt sich auch das Warten an der Supermarktkasse – Zeit gespart für eine Übungseinheit auf der intelligenten Yogamatte.

Noch smarter? Mit der App »Be my eyes« können Blinde per Video mit freiwilligen Helfern kommunizieren, die ihnen zum Beispiel Klingelschilder oder Verpackungsaufschriften vorlesen. »TapTapSee« erkennt Gegenstände auf Handyfotos und benennt sie. Die Babyphone-App erlaubt es Eltern, beim Italiener um die Ecke ein Eis zu holen, während der Nachwuchs schläft. Wearables behalten den Überblick über Herzschlag, gelaufene Kilometer, verbrauchte Kalorien, mahnen Workouts oder Joggingrunden an.

Mein Smartphone, mein Coach, mein persönlicher, immer präsenter Berater, Begleiter, Motivator. Ist das Autonomie? Oder Fremdbestimmung? »Smarte Diktatur« heißt das neue Buch des Soziologen Harald Welzer. Darin beschreibt er wie wir uns und unsere Daten freiwillig ausliefern, legt den Finger auf die Abschaffung des Privaten, auf »das historisch einmalige Kunststück, sich selbst in Freiheit zu versklaven.« Er fordert »Schafft Bolzplätze statt Free-Wifi-Zonen«. Entweder – oder? Der Zukunftsreport 2016 des Zukunftsinstituts macht einen Trend fest, der die Verantwortung fürs Denken und Tun beim einzelnen Menschen lässt. Er wird OMline-Lebensstil genannt und sucht nach der »Balance zwischen digitalen Möglichkeiten und analoger Welt, zwischen Verbundensein und Autonomie, zwischen Vernetzung und Entnetzung«. Er übersetzt in gewisser Weise das Achtsamkeitsdenken in die digitale Welt.

Bleibt noch eine Frage: Gibt es vielleicht irgendwo irgendjemand, der eine wirklich positive Vision von »Big Data« hat?

 

– Ein Gastbeitrag von Gabriele Werner

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Gabriele Werner ist Geschäftsführerin/CCO bei KOCHAN & PARTNER, eine der führenden CD/CI-Agenturen in Deutschland.

Die Diplom-Designerin mit langjähriger Erfahrung in Markenentwicklungs- und CD/CI-Prozessen begrenzt den Begriff »Gestaltung« nicht nur auf die Erarbeitung von Erscheinungsbildern und -formen. »Design ist eine Haltung«, sagt sie und unterstützt Unternehmen bei der Findung und Formulierung ihres Wesens und den daraus folgenden Ableitungen für die Kommunikation, die Visualität, das Verhalten. Dabei geht sie vom Menschen aus. Denn: »Selbst der Markt ist ohne Menschen nicht vorstellbar.« Von hier aus eröffnet sie neue Themenfelder, bezieht soziale Wirklichkeiten ebenso ein wie Entwicklungen im Design oder Sichtweisen aus Kunst und Philosophie. Das Einlassen auf unterschiedliche Stand- und Blickpunkte ist ihr ein besonderes Anliegen. Ihre Erfahrungen, Sichtweisen und Methoden teilt sie gerne, etwa in Seminaren und Workshops über Kreativitätstechniken.

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